Politisch korrekt beim Jubeln?

Homiyu Tesfaye macht Liegestützen, während der Rest des Feldes ins Ziel läuft.

Homiyu Tesfaye macht Liegestützen, während der Rest des Feldes ins Ziel läuft.

Die Leichtathletik ist alt und verstaubt, hat schlechte Einschalt-Quoten und einen Leichtathletik-Star hatte Deutschland schon lange nicht mehr. Einen Sportler, der auch außerhalb der 400m Rundbahn noch bekannt ist? Es muss ja nicht der Name bekannt sein, aber zumindest eine grobe Beschreibung sollte doch möglich sein, über den ein oder anderen Athleten. Aber da könnte jetzt am Wochenende ein neuer Athlet bekannt geworden sein: Der mit den Liegestützen.

Doch was war denn am Wochenende? Eigentlich nichts besonderes. In Göttingen fanden die Deutschen U23-Meisterschaften statt. Abseits der Öffentlichkeit, sind es „Geheimmeisterschaften“? Nein, aber eben nicht von größerem öffentlichem Interesse. Eine kleine Gruppe von Nachwuchs-Journalisten und Leichtathletik-Fans kämpfen, wie Asterix und Obelix gegen die Römer, gegen den Untergang der Leichtathletik im nicht enden wollenden Schwall der Nachwuchs-Fussball-Meisterschaften, Snooker-WMs und Dart-Leagues. Ihr Waffen: Ein Livestream, Twitter-Updates, viel Videomaterial. An dieser Stelle: Danke!

Doch dann sehe ich das: Ein Leichtathlet hat vielleicht den Sprung in die Championsleague der Berichterstattung  geschafft. Es begann am Sonntag-Nachmittag mit einem Facebook-Post einer meiner 100 000 Freunde. Ich klickte mich also, mehr aus Langeweile, weiter und fand es dann, das Video mit einer Sprengkraft, die man in Leichtathletik-Deutschland seit Tim Lobingers nackten Hintern 2003 nicht mehr gespürt hat:

Bitte ansehen – kann das Video nicht einbinden!

„Homiyu Tesfaye demonstriert Stärke“ der Titel des Videos passt wie die Faust aufs Auge. Für die gegnerischen Läufer könnten sich Homiyu Tesfayes Liegestützen-Feierei eher wie ein Schlag ins Gesicht angefühlt haben. Er gewinnt die 1500m mit etwa acht Sekunden Vorsprung und hat damit allen Grund zum Feiern. Aber der Grad scheint schmal zu sein zwischen den Gesten der Freude und der Verhöhnung von Gegnern. So schmal wie die Linie, die Bahn eins von Bahn zwei trennt. Überschreitet man diese kann gar fürchterliches geschehen.

Tim Lobinger zieht blank        Foto: general-anzeiger-bonn.de/AP

Tim Lobinger zieht blank Foto: general-anzeiger-bonn.de/AP

Tim Lobinger gewann in Monte Carlo 2003 den Stabhochsprung. Nach seinem Sieges-Sprung über 5,91m viel dem damals besten deutschen Stabhochspringer eine große Last von den Schultern. Da wird jede Menge Energie frei, wenn man den Sieg so unmittelbar spürt, wie nach einem geglückten Versuch in den technischen Disziplinen, oder der Sicherheit, die Ziellinie als Erster überquert zu haben. Adrenalin und Endorphine schießen in den Körper. Die Energie muss natürlich irgendwo hin. Ich bekomme meistens nur eine geballte Faust hin, vielleicht gefolgt von einem krächzenden Schrei – sofern genug Luft dafür bleibt. Tim Lobinger reißt sich eben die Hose herunter und zeigt dem Publikum seinen Hintern. Homiyu Tesfaye macht Liegestützen. Die Konsequenzen für Lobinger sollten sich im vierstelligen Bereich abspielen. Im wurden 5000 € von seiner Siegesprämie (30 000 €) abgezogen werden. Und auch seitens des Deutschen Leichtathletik Verbandes (DLV) gab es scharfe Kritik:

 

Auch DLV-Präsident Clemens Prokop war über den Auftritt des Athlethen nicht erfreut: „So ein Verhalten ist nicht akzeptabel und überhaupt nicht lustig. Wir werden Tim deutlich machen, dass so etwas nicht toleriert werden kann.“

Oberes Zitat stammt von Spiegel-Online. Ob der Spiegel schon über die Liegestützen des Homiyu Tesfaye berichtet hat, weiß ich nicht. Zumindest die Bild hat es getan und damit ist er als Leichtathlet ein Exot in diesem zwiespältigen Blatt.

Leichtathletik II:

Wunderläufer macht Liegestützen im Ziel

Er läuft über die Ziellinie und liegt plötzlich auf der Bahn. Aber Homiyu Tesfaye (19) ist nicht entkräftet umgekippt. Der Deutsche U23-Meister hat die 1500 Meter mit acht Sekunden Vorsprung (3:41,22 Minuten) gewonnen und macht Liegestützen, während die Konkurrenten einlaufen.

Frech, oder? „Nein, ich war nur so glücklich“, erklärt der Wunderläufer der LG Eintracht Frankfurt. Trainer Wolfgang Heinig ergänzt: „Homiyu wollte nur seine Freude nur zum Ausdruck bringen und zeigen, dass er fit ist, wie Usain Bolt, der so was ja auch macht.“ Ein cooler Typ.

Nun, ich denke über die Fitness des Läufers urteilen am besten die Zeitmessanlagen dieser Welt und nicht Liegestützen, die noch nach dem Rennen gemacht werden. Auch die Zuschauer dürften aufgrund des Vorsprungs gesehen haben, das Homiyu nicht zu schlagen war. Auch der Vergleich mit Usain Bolt hinkt. Schon jeder Sprinter, der Usain Bolt imitiert, ist eben doch nur ein Imitat – schwer sich da abzuheben. Der Bekanntheitsgrad des Läufers, der vom Bundestrainers Wolfgang Heinig trainiert wird, ist sicher gestiegen. In der Läuferszene ist der Name schon seit längerem bekannt, da die Vermutung im Raum steht, dass etwas mit dem Alter des Läufers nicht stimmen könnte.

Durch Facebook und andere Medien geht schnell eine Flutwelle an „Anti-Posts“ und „Dislikes“ auf einen nieder. Der „Shit-Storm“ auf Homiyu soll aber bitte nicht all zu groß werden. Vieleicht sollten wir uns Fragen stellen: Wollen wir mehr Show, um die Leichtathletik populärer machen zu können? Helfen polarisierende Athleten, wie zum Beispiel Tim Lobinger oder Robert Harting dabei, den Sport zu vermarkten? Und dürfen wir als Sportler zugunsten der Show Abstriche bei der Sportlichkeit und Fairness machen?

Die wichtigste Frage bleibt sowieso: Ist der Hintern von Lobinger, oder der Bizeps von Tesfaye schöner?

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